„ Was für ein leuchtender, bunter Baum“, denkt sich Nele. Flink schleicht sie wieder und immer wieder um ihn herum; sucht nach Geschenken. Doch noch immer ist keine Spur von dem Weihnachtsmann zu sehen. „Wo bleibt er nur?“, fragt sie sich. Aufgeregt läuft Nele in die Küche; dort bestreicht die Mama `nen ollen Vogel. Nele tappelt zum Küchenfenster, starrt hinaus – und wartet… wartet… wartet. Draußen dröhnen die Busse. Die Straßenlampen sowie die Neonlichter der Werbetafeln erhellen das Dunkel und lassen es als Grauschwarz mit bunten Tupfern erscheinen. Das Näs`chen ist schon ganz platt gedrückt. Immer noch nichts zu sehen… Sie guckt zur Mama, die lächelt erst sie an und dann lächelt sie ganz eigenartig in sich rein. Nele denkt sich: „Mütter! Was soll man zu denen nur sagen!“
Mit einem Mal vernehmen beide ein starkes Klopfen – da draußen an der Tür. „Mama..., Mama…“, ruft Nele aufgeregt und rennt wie ein geölter Blitz zur Tür. „Soll sie aufmachen? Oder doch lieber auf Mama warten?“, fragt sie sich, „Ach was! Sie, Nele Kobaschinski, ist doch kein Hasenfuß!“ Sie hört immerhin Mamas Schritte, also reißt sie prompt die Türe weit auf und… Da steht er, der rote Mann mit weißem Bart und dem Sack vor sich auf dem Boden. Der Alte erscheint ihr kleiner als sie erwartet hatte. Mama steht nun dicht hinter ihr. Er räuspert sich.
„Na, kleines Nel`chen, mmh… Du machst ja so große Augen. Hast du etwa Angst vor mir?“ Irgendwie klingt seine Stimme unerwartet hoch und gleichzeitig doch auch irgendwie rauh.
„Nnnneinn!“, bringt Nele mit einem zitternden, piepsigen Stimmchen, aber -glücklicherweise- trotz dieser blöden wackeligen Stimme sehr bestimmt hervor. Sie drückt sich fest an Mamas Bein. Er spricht wieder: „Sag mal Kleines, warst Du denn auch immer schön brav, ja?“ Nele guckt ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Mmh…“, sie denkt kurz nach, „also, mal abgesehen von dem Boxhieb gegen den Nachbarsjungen – der hatte das aber auch verdient… Punkt!- und auch abgesehen von dem heimlichen Naschen, dem Mopsen von Mamas lustigen großen Ohrringen und langen Ketten, wenn diese mal nicht da ist, das Springen in jede noch so große Pfütze – egal, was sie, Nele Kobaschinski, anhat-, dem Kneifen von Matze im Kindergarten und so, war sie ihrer Meinung nach eigentlich brav, ja, ja – doch schon ja. Naja und Matze hatte sie ja auch zuerst gekniffen gehabt… aber natürlich wurde nur sie, Nele, dabei gesehen und dann deswegen angemeckert. Dass der angefangen hatte, wollte niemand wissen oder ihr einfach nicht glauben. Dafür kann sie ja nix! Und hey, immerhin hat sie neulich der alten Pisora, die ganz da hinten auf dem Flur paar Türen weiter wohnt, geholfen etwas aufzuheben. Das wird doch sonst wohl auch wieder alles gutmachen, oder? Mama sagt, die Pisora erzählt ihr immer, dass sie`s so arg mit dem Rücken hat, Eschi…a irgendwas. Naja, sie, Nele, wird seine Frage nach dem Brav-sein wohl mit `ja` beantworten können. Der soll sich auch bloß mal nicht so haben. Nur brav ist doch langweilig! Man muss halt aufpassen, dass das Nicht-Brav-Sein nicht so auffällt.“
„Ja, ja klar war ich brav“, meint Nele also zu dem Langbärtigen. Daraufhin der: „So, so… ja, ja klar also. Na, da hab aber etwas anderes gehört, na?“ „Was soll das denn?!“, denkt sich Nele empört, „Wiso blinzelt der sie bei dieser Frage so blöde an? Meint er die frage nun ernst oder nicht?! Und von wem bitte soll der das denn gehört haben? Niemand kennt doch den Weihnachtsmann. Oder spioniert er etwa in die Familien rein? Also könnt ja sein, dass der bei den Erwachsenen vor der –wie sagt Mama immer?- `Bescherung` (wohl einfach nur ein komisches Wort für Geschenke kriegen) immer nachfragt.“ Jetzt guckt er sie jedenfalls mit großen Augen an. „Ich mein das schon ernst, dass ich brav bin – also meistens. Ich versuche es jedenfalls!“, meint Nele schließlich zu dem Alten. „Ob sie ihn einfach mal ganz direkt fragen soll – das mit Spionieren? Wiso denn nicht… ?“ Nele: „Sag mal Weihnachtsmann, spionierst du den Kindern nach? Also, ich mein, fragst du die Mamas, Omas, Onkels und so vorher aus, bevor du kommst?“ „Warum fragst du mich das?“, seine Stimme hört sich leicht drohend an, „Hast du etwa doch `was zu verbergen, Nele?“ „Das ist fies, was du da jetzt machst. Ich hab` zuerst gefragt, da kannst du mich doch nicht mit Gegenfragen bombardieren!“, empört blickt Nele zu ihm auf. Der guckt sie verdutzt an.
„Nele, also wirklich!“, raunt Mama ihr ins Ohr, „Sei doch nicht immer so frech!“ „Ich bin nicht frech! Ich sage nur, was ich denke!“, ruft Nele laut – so laut, dass der Weihnachtsmann es natürlich auch hören kann, „Ich denke Ehrlich-Sein ist immer besser, was denn nun?!“ Mama setzt ihr verdutztes Gesicht auf und sieht irgendwie hilflos aus. Der Weihnachtsmann lacht. Nele versteht jetzt gar nichts mehr: „Wiso lacht der denn jetzt nur? Nimmt der sie, Nele Kobaschinski, etwa nicht ernst?! Nur weil sie ein Kind ist oder was! Also ehrlich, wenn der so weitermacht, ja, dann wird der noch sein Wunder erleben. Das lässt sie gewiss nicht auf sich sitzen!“ „Du bist mir vielleicht eine.“, spricht er zu ihr mit weicher Stimme und guckt sie irgendwie lieb an, „Ja, du hast Recht, Ehrlichkeit währt am längsten. Also, zu deiner Frage: Nein, ich spioniere nicht in die Familien rein. Ich kann alle Kinder sehen und hören… Aber nun möchte ich dir mal deine Geschenke geben, mmh… Kannst du mir denn ein Gedicht aufsagen oder ein Lied vorsingen?“ Neles Gedanken überschlagen sich: „So was! Wie soll der denn alle Kinder der Welt gleichzeitig hören können?! – Wie laut und durcheinander das sein muss! Und auch gleichzeitig sehen? Also ehrlich, das geht doch gar nicht! Oder muss sie sich das so wie bei einem Computer mit so vielen Kästchen auf der Bildscheibe vorstellen. Das is` aber auch ein ganz schönes Durcheinander! Der Weihnachtsmann ist doch schließlich nicht Gott. Der kann das doch als einziger – wie auch immer der das macht. Ob sie dem Weihnachtsmann das alles so fragen soll? Wer weiß, wann sie ihn das nächste Mal wiedersehen wird. Die ganzen Weihnachten davor hat Omi immer den Weihnachtsmann auf der Straße getroffen – und weil der dann immer in Eile war, hat er ihr die Geschenke immer in die Arme gedrückt.“ Da fällt Nele ein: „Wo bleibt denn eigentlich Omi? Mmh… Ach Mensch, da war ja noch was. Er will ja ein Gedicht oder ein Lied von ihr. Die Fragen stellt sie ihm besser doch nicht. Sonst sind womöglich noch die Geschenke in Gefahr. Nee, das lieber nicht – also das kann sie ja nu` nicht riskieren. Dann doch lieber dumm bleiben, denn wer nicht fragt, bleibt dumm, sagt Omi doch immer. Gut, na nun aber ein Gedicht oder ein Lied! Also…mmh… im Kindergarten ham` wir doch viel so Zeug gelernt, also denn!“
Nele schmettert los: „So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit. Meine Puppen sind verschwunden, hab nicht mal den Bär gefunden. So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit. So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit. Hansels Eisenbahn ist weg, steht nicht mehr am alten Fleck. So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit.“ Nele endet und denkt sich: „So also die ersten beiden Strophen müssen reichen. Die letzte hat sie nämlich nicht mehr im Kopf…“ Sie schaut den Weihnachtsmann erwartungsvoll an.
„Da musstest du aber erstmal ein bisschen überlegen, bevor Dir das eingefallen ist, mmh? Naja, aber schön hast du gesungen! Also, hier hast du nun deine Päkchen.“ Er reicht ihr eines nach dem anderen: große wie kleine. Sie kann gar nicht alle auf einmal fassen. Mama hilft ihr. Nele kann sich den Gedanken nicht verkneifen, dass doch gar nicht so lange überlegt hat, bevor sie angefangen hat zu singen: “Also ehrlich! Und außerdem hat sie doch gar nicht wegen dem Lied überlegt. Also ehrlich! Ich denk, der weiß alles. Gedanken scheint er aber immerhin nicht lesen zu können… so, so…“ Mama stößt sie an. „Was Mama nur wohl schon wieder von ihr möchte?“ Stirnrunzeln auf Neles Gesicht`chen.
Der Weihnachtsmann verabschiedet sich schließlich mit einem kräftigen „Ho, ho, ho! … Also ich muss dann mal weiter zu den anderen Kindern. Ärgere die Mami nicht zu sehr, ja! … Tschüß dann, mach`s gut!“ Nele: „Ja, ja doch…tschüß.“ Der Weihnachtsmann steigt die Treppen hinunter. Nele wundert sich: „Komisch, oben, eins drüber, wohnt doch noch dieser Nachbarsjunge! Naja, ihr soll`s egal sein…Sie hat ja immerhin ihre Geschenke!“ Sie lächelt. Mama macht die Tür zu und dreht sich zu Nele um: „Also ehrlich! Nicht mal DANKE hast du gesagt! Was soll er jetzt nur von uns denken?! Du bist unmöglich. Ständig hab ich nur Ärger mit dir. Deine Geschenke hast du eigentlich gar nicht verdient! Sei nur froh, dass ich dich trotzdem so lieb habe!“ Etwas verärgert – aber es wird wohl noch gehen- geht Mama ins Wohnzimmer zum Tann`baum und legt sorgsam die Geschenke darunter.
Nele steht wie angewurzelt da, setzt ihren Schmollmud auf und würde der Mama am liebsten sagen: „Also ehrlich ja, mal gleich böse zu werden. Nur weil sie so ein kleines Wort wie DANKE vergessen hat zu sagen. Der Weihnachtsmann nimmt ihr das bestimmt nicht übel, so! Man kann`s aber auch wirklich übertreiben…“
„Ausgepackt wird aber erst, wenn Oma da ist, hast du gehört Nele?!“, meint Mama mit immer noch leicht verärgerter Stimme, wenn auch nicht mehr ganz so verärgert wie grad eben noch. Nele versinkt wieder in Gedanken: „Hoffentlich kommt Omi bald! Was der Weihnachtsmann ihr, Nele Kobaschinski, wohl nur mitgebracht hat?“ Sie ist mächtig gespannt – gespannt wie ein Flitzebogen, wie Omi immer sagt. „Und hoffentlich bessert sich dann auch Mamas Laune wieder. Naja… also beim Essen sind Mama und Omi ja irgendwie immer ganz gut gelaunt – also eigentlich. Die Chancen stehen also gut.“ Schließlich läuft Nele wieder voller Erwartung zum Küchenfenster, um ihre Omi`mimi ganz schnell herbeizugucken…
29.09.08
